Chamäleon-Logo Dyskalkulie-Training in Bern
28. Oktober 2026 · Serie «Dyskalkulie verstehen» #2

Was ist Dyskalkulie?

Dyskalkulie, Rechenschwäche, Rechenstörung: Was ist was?

  • Statt zweiundvierzig liest das Kind vierundzwanzig. Wir sprechen die Einer vor den Zehnern, schreiben aber die Zehner zuerst.
  • Es rechnet: 5 + 8 = 12. Beim Weiterzählen hat es die 5 mitgezählt.
  • Oder: 35 – 18 = 23. Es zieht stellenweise die kleinere von der grösseren Zahl ab.
  • Fünfhundertvier wird 5004 geschrieben. Das Kind schreibt, was es hört: 500 und 4.

Hat das Kind Dyskalkulie? Nicht zwingend. Treten solche Fehler einzeln und nur kurzzeitig auf, besteht oft kein Grund zur Besorgnis. Im letzten Beispiel hat das Kind vielleicht einfach die Stellenwerte noch nicht richtig verstanden, und wird diese Lücke rasch gefüllt, lässt sich viel verhindern. Treten aber mehrere Anzeichen über längere Zeit auf, lohnt es sich, lieber einmal zu viel hinzuschauen.

Viele Begriffe, ein Kern

Um es gleich vorwegzunehmen: Eine einheitliche Definition gibt es bis heute nicht und das macht diesen Beitrag nicht ganz einfach. In der Psychologie, der Heil- und Sonderpädagogik und der Mathematikdidaktik ist von «Rechenschwäche», «Rechenstörung», «Dyskalkulie» oder «besonderen Schwierigkeiten beim Mathematiklernen» die Rede. Manche bezeichnen Dyskalkulie als angeboren und Rechenschwäche als erworben, andere gewichten die Rechenstörung als gravierender als die Rechenschwäche.

Im Kern beschreiben aber alle Begriffe dasselbe: besondere Schwierigkeiten beim Erlernen der Mathematik, die sich nicht durch eine allgemeine Intelligenzminderung, Seh- oder Hörbeeinträchtigungen, neurologische oder motorische Störungen, unzureichende Beschulung oder schwierige psychosoziale Umstände erklären lassen.

Das heisst auch: Dyskalkulie hat nichts mit Intelligenz zu tun. Sie kommt bei Kindern aller Begabungen vor, auch bei solchen, die in anderen Fächern glänzen. Ein Kind mit Dyskalkulie ist nicht dumm und nicht faul, sein Gehirn verarbeitet Zahlen und Mengen einfach anders.

In dieser Serie verwende ich übrigens durchgehend den Begriff Dyskalkulie.

Was die offiziellen Definitionen sagen

Wer nach einer offiziellen Definition sucht, stösst auf die Klassifikation der WHO (ICD-11) und jene der American Psychiatric Association (DSM-5). Die beiden unterscheiden sich in einem wichtigen Punkt.

Die WHO orientiert sich auch in der ICD-11 am allgemeinen intellektuellen Niveau: Die Mathematikleistung soll deutlich unter dem liegen, was für das Alter und die Intelligenz des Kindes zu erwarten wäre. Traditionell spricht man von der «doppelten Diskrepanz»: Die Leistung weicht sowohl von der Altersnorm als auch von der Intelligenz ab. So soll ausgeschlossen werden, dass die Schwierigkeiten einfach auf eine tiefere Intelligenz zurückgehen. Das DSM-5 verzichtet dagegen auf den Vergleich mit dem IQ. Es verlangt nur, dass die Leistung deutlich unter der Altersnorm liegt und sich nicht besser durch eine Intelligenzminderung erklären lässt.

Das Diskrepanzkriterium ist umstritten. Kritisiert wird vor allem, dass Kinder mit tieferem IQ dadurch manchmal keine Unterstützung bekommen, obwohl sie sie genauso bräuchten.

Meiner Meinung nach hat der Vergleich mit der Intelligenz aber auch eine wichtige Seite: Er macht sichtbar, wenn die Schwierigkeiten in Mathematik nicht zum restlichen Bild eines Kindes passen. Eine Schülerin kam erst mit 22 Jahren zur Prüfungsvorbereitung zu mir. Sie war sehr intelligent. In der dritten Lektion fragte ich sie, ob man bei ihr je eine Dyskalkulie abgeklärt habe. Offenbar hielt man das während der ganzen Schulzeit nicht für nötig. Sie wurde als faul abgestempelt, sie könnte es ja «eigentlich schon». Genau solche Kinder fallen durch die Maschen, wenn niemand fragt, warum ein kluges Kind ausgerechnet in Mathematik so kämpft. Heute hat sie massive Probleme im Umgang mit Geld und Zeit.

Wie kann sich Dyskalkulie zeigen?

Manche Kinder haben keine Vorstellung davon, welche Menge hinter einer Zahl steht. Andere können sich das kleine 1×1 kaum merken, rechnen noch lange zählend oder addieren bei jeder Aufgabe, weil sie die Rechenoperationen nicht verstanden haben. Wie vielfältig die Anzeichen sind und worauf man im Kindergarten und in den ersten Schuljahren achten kann, zeige ich in einem späteren Beitrag.

Und die Diagnose?

Dyskalkulie zeigt sich sehr unterschiedlich, und die verschiedenen Tests erfassen zum Teil unterschiedliche Fähigkeiten. So kann ein Verfahren zu einer Diagnose führen, ein anderes nicht. Ich selbst stelle keine Diagnosen, erhebe aber für die Planung des Trainings den Lernstand. Warum ich mich bei jungen Kindern für das Elementarmathematische Basisinterview (EMBI) entschieden habe und es auch Lehrpersonen wärmstens empfehle, erzähle ich in einem eigenen Beitrag.

Zum Nachdenken

Bezeichnung hin oder her: Was passiert, wenn niemand hinschaut? Muss das Kind den Schulunterricht einfach durchstehen und später halt einen Beruf wählen, in dem es keine Mathematik braucht? Wie sich Dyskalkulie im Erwachsenenalter zeigen kann, erfahrt ihr im nächsten Beitrag.


In dieser Serie schaue ich mir die verschiedenen Facetten von Dyskalkulie und Rechenschwäche genauer an: Wie sie entsteht, woran man sie erkennt und vor allem, was man spielerisch tun kann. Denn je früher wir hinschauen, desto mehr können wir bewirken. Dazwischen soll auch immer wieder eine Folge mit Spielideen erscheinen.

Quellen: Rechenschwäche in der Regelschule (Stiftung Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik, Mai 2024), Dyskalkulie in der Schule: Handreichung für Lehrkräfte (Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V., 2020), Lernstörungen: Ein unvermeidbares Schicksal? (Marcus Hasselhorn, 2021), Handlungsleitfaden: Dyskalkulie im Nachschulbereich (Dr. Karin Kucian, Kinderspital Zürich, Version 06/2023), Dyskalkulie (Landerl, Vogel, Kaufmann, 2022)

← Alle Beiträge

Verdacht auf Dyskalkulie?
Ein unverbindliches Vorgespräch verschafft Klarheit:
077 411 59 55 · hallo@valeriedannigkeit.ch